Deutscher Geschichtsverein des Posener Landes e.v.

Geschichtsseminar

Deutscher Geschichtsverein (DGV)

des Posener Landes e.V.

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Das 18. Geschichtsseminar des DGV 2015 

Das Geschichtsseminar zur Geschichte des Posener Landes vom 13.02. – 15.02,2015 war bereits nach 6 Wochen ausgebucht. Dieses jährlich stattfindende Seminar unter der Federführung des  Deutschen Geschichtsvereins (DGV) des Posener Landes e.V.,ist ein fester Bestandteil in der Geschichtsvermittlung zur Provinz Posen und Polens geworden. Die Themenwahl ist so gestaltet, dass Geschichte und Neuzeit behandelt werden. Auch dieses Seminar kam bei den Teilnehmern gut an und die Referenten konnten die Zuhörer bei ihren Ausführungen begeistern und „mitnehmen“.

Zu 8 Themen referierten 7 Referenten, hiervon waren 2 polnische Referenten aus Posen.

Angereist waren die Teilnehmer aus 10 Bundesländern. Den weitesten Weg hatte ein Teilnehmer vom Bodensee.

Finanziell unterstützt wurde das Seminar von der Bundeszentrale für Politische Bildung in  Bonn  und durch einen Zuschuss der Kulturreferentin für Westpreußen, Posener Land, Mittelpolen, Wolhynien und Galizien – Frau M. Oxfort MA (BKM). Die Teilnehmer selbst leisteten einen Beitrag von 95,-- € pro Person.

Das Antragsverfahren bei der Bundeszentrale führte das Gustaf Stresemann-Institut (Tagungshaus) in Bad Bevensen durch. Die Ausschreibung des Seminars, Gewinnung von Referenten und Themengestaltung war Aufgabe des DGV.

Die Seminarleitung lag in den Händen von Frau Gudrun Backeberg (Schatzmeisterin) die den verhinderten Vorsitzenden vertrat und die Seminarmoderation führte Dr. Eike Eckert.

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Nach dem gemeinsamen Kaffee begrüßte Dr. Eike Eckert die Seminarteilnehmer im Gustav-Stresemann-Institut in Bad Bevensen, Ortsteil Medingen und überbrachte auch die Grüße des Mitorganisators, des Hausherren, Martin Kaiser, der sich z. Zt. im Urlaub befand.

Es folgte von Dr. Eike Eckert eine kurze Einführung in das Programm des Seminars.

Den ersten Vortrag hielt die Kirchenmusikerin Renate Sternel, Hamburg: Die evangelischen Kirchengemeinden in Posen und ihre Gotteshäuser. Ihre Bedeutung für die evangelischen Deutschen in Posen. Frau Sternel stellte die Entwicklung der evangelischen Gemeinden in Posen dar, ihre Verschiedenartigkeit als Böhmische Brüder, Reformierte Gemeinde und Lutherische Gemeinde bis hin zur Unierten Kirche. Sie erläuterte die Entstehungsgeschichte und die weitere Entwicklung der Kirchen und illustrierte dies mit selbst angefertigten Fotographien aus der jüngsten Vergangenheit.

 

Nach dem Abendessen setzte der Historiker Dr. Severin Gawlitta, Remscheid, Mitarbeiter am Diözesanmuseum in Essen, die Vortragsreihe fort: „Aufschwung und Stagnation. Deutsche Kolonistendörfer im Königreich Polen (1815-1914).“ Seine sehr interessanten Ausführungen basierten auf den Erkenntnissen seiner 2009 erschienenen Dissertation „Zwischen Einladung und Ausweisung: Deutsche bäuerliche Siedler im Königreich Polen 1815-1915“. Für viele waren seine geschilderten Erkenntnisse neu, so auch die Definition von Kolonisten. Im Gegensatz zu Bauern im Feudalsystem unterstanden die Kolonisten nicht der Fronwirtschaft, sondern basierten auf der Zinswirtschaft. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kolonist ist ein rein wirtschaftlicher Begriff. Er fügte hinzu, dass im Polnischen das Wort „Kolonist“ zumeist mit der negativen Bedeutung für die Germanisierung anklingt, womit die Kolonisten  nichts zu tun hatten. Dies belegt schon die Tatsache, dass die Kolonisten im genannten Zeitraum unter der russischen Zarenherrschaft im Königreich Polen – allgemein nur Kongreßpolen genannt – angesiedelt wurden.

 

Tags darauf schilderte der inzwischen promovierte Posener Wissenschaftler Dr. Karol Górski, Pozna?/ Posen, seine Erkenntnisse aus seiner bei Prof. Dziergwa absolvierten Dissertation zu dem Thema „Der Großpolnische Aufstand 1918/1919 in der Provinz Posen in den Augen deutscher Zeitzeugen“. Die Sicht der Verlierer dieses Aufstandes, der Deutschen, ist in der polnischen Historiographie bislang stets ausgeblendet worden, da man der Meinung war, dass dies nur ein polnisches Thema sei, in dem nur Polen wirklich kompetent wären.

Dr. Górski stellte die bereits 1919 in Form von Gedenkschriften und Tagebüchern beginnende deutsche Literatur nach den verschiedensten Kriterien vor. Die bedeutendste Schrift „Der großpolnische Aufstand 1918/1919“ stammt dabei von dem Gymnasiallehrer und Historiker Dietrich Vogt, dessen Ende der 60er Jahre geschriebene Arbeit erst 1980 inMarburg a. d. Lahn erschien. Er war es auch, der den Begriff „Großpolnischer Aufstand“ für dieses historische Ereignis prägte. Vogt war Zeitzeuge und als Leutnant Teilnehmer an der Bekämpfung des Aufstands. Voller Stolz konnte Dr. Górski verkünden, dass der dort genannte Soldat K. eine in der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW) und der Bundesrepublik Deutschland bekannte Persönlichkeit war, nämlich der spätere Bundesminister und erste Bundessprecher der LWW Waldemar Kraft.

Nicht nur historische Abhandlungen interessierten den Literaturwissenschaftler sondern auch die sog. fiktive Literatur. Dazu zählte er Gedichte und ein beeindruckendes Gebet der Gräfin Sophie v. Schlieffen (Krs. Wollstein), die in eindringlicher Weise darin ihr Verständnis für die Gefühle der polnischen Mitbürger zum Ausdruck brachte – eine Haltung, die man in der LWW vielfach antrifft und stets sehr geschätzt hat.

Górskis größter Fund ist ein unscheinbar klingender, 1983 in Düsseldorf erschienener Roman von Dr. Michael Biebrach († 1983) mit dem Titel „Piroggen und Pistolen“. Erst der Untertitel „Wie es war, als der Kaiser ging und er polnische Adler das Fliegen versuchte“ eröffnete den Zugang zum Inhalt. Dr. Górski hat die um 1919 spielende Handlung in Posen recherchiert und damit herausgefunden, dass dieser Roman das echteste Posener Literaturzeugnis zum Aufstand aus deutscher Feder ist. Selbst die Familie, die diesen Roman für eine Fiktion hielt, war erstaunt über seine Erkenntnisse und darüber, dass die Arbeit des Vaters die literarische Bearbeitung eigener Erlebnisse ist.

 

Anschließend folgte ein Vortrag von Dr. Severin Gawlitta zu dem Thema „Kriegspolitik und die Deportation deutscher Kolonisten aus Mittelpolen 1914/1915“. In einer dreiseitigen Sicht stellte der Referent die eigene Einstellung der deutschen Kolonisten und die Ursache für ihre große Treue zum russischen Zaren, die Haltung der polnischen Mehrheitsgesellschaft und die Ursache für die Abkehr der russischen Administration von den treuen Deutschen. Bei der Ansiedlung der Deutschen schätzte man russischerseits vor allem deren Obrigkeitstreue, so dass die Erhaltung der deutschen Kultur und Eigenart angestrebt und eine Assimilation gar nicht erwünscht war. Das Prinzip „teile und herrsche“ bestimmte die zaristische Politik in Kongreßpolen. Dies richtete sich im 1. Weltkrieg dann ausgerechnet gegen die zarentreuen deutschen Kolonisten. Ihnen wurde Spionage unterstellt und deshalb ihre Deportation 1914/15 angestrebt und durchgeführt. Heute weiß man, dass es die unverschlüsselten Funksprüche und bei Kriegsgefangenen erbeutetes Material war, das der Deutschen Heeresleitung damals die russischen Pläne offenbarte und nicht russische Untertanen deutscher Herkunft aus Kongreßpolen.

Damit keine Panik unter den zu Deportierenden aufkam, ging man schrittweise vor. Erst wurden alle Männer von 15 bis 80 Jahren in die Weiten Rußlands deportiert, dann Frauen und Kinder. In einem dritten Schritt sollte dann deren Enteignung erfolgen. Hintergrund dieser Politik war neben der neurotischen Angst vor Verrat die Absicht, die polnische Mehrheitsbevölkerung für Rußland zu gewinnen, damit es hier keinen Aufstand oder Unruhen direkt hinter der Front gäbe, so wie im Russisch-Japanischen Krieg (1904-05) und der daraufhin folgenden Russischen Revolution von 1905.

 

Nach der Mittagspause referierte der Doktorand Jonas Grygier, Berlin, über „Die Weimarer Republik und die II. Polnische Republik in den ersten Jahren der Zwischenkriegszeit“. Er stellte das Verhalten der deutschen Minderheit als getrieben von der polnischen und der internationalen Politik dar, die sie dazu brachte, eine aggressiver werdende völkisch-deutsche Politik zu vertreten, wogegen einige Seminarteilnehmer in der folgenden Diskussionsrunde vehement widersprachen, da dies nur einen geringen Teil der deutschen Minderheit betraf. Diejenigen, die in Polen blieben, hatten sich für Polen und damit für ein Zusammenleben entschieden. Natürlich setztensich die Deutschen für die Wahrung ihrer Rechte ein, was aber nicht als „völkisch“ mißverstanden werden sollte und konnte.

Herr Grygier schilderte die durch Verdrängung und Ausweisung dezimierte und ihrer geistigen Oberschicht beraubte deutsche Minderheit zu Recht als „Schrumpf- und Rumpfgesellschaft“. Die Folge dieser gesellschaftlichen Entwicklung bestimmte nicht nur die gesamte Geschichte der deutschen Minderheit in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit, sondern auch nach dem Krieg in der Geschichte der Landsmannschaft Weichsel-Warthe.

 

Den letzten Beitrag dieses Tages hielt die 93-jährige Renate Adolphi, Lüneburg, „Als Deutsch-Baltin 1939 nach Posen umgesiedelt – Frau Adolphi als Zeitzeugin“. Bis heute leitet sie ein Archiv in Lüneburg. Sie schilderte ihre Erinnerungen an die Zeit vor der Umsiedlung und die innere Haltung der Deutschbalten zu ihren Nachbarn in Riga und die zum Deutschen Reich, das aus der Sicht der Auslandsdeutschen recht unkritisch und ohne große Informationskenntnis als das „Gelobte Land der Deutschen“ angesehen wurde.

Frau Adolphi versuchte sich sehr neutral zu äußern, um niemandem zu nahe zu treten, doch es wurde klar, dass die Deutschbalten eine privilegierte Rolle in Posen besaßen und man von den Vorbesitzern - den Polen in der Nachbarschaft -  sehr wenig wußte.

Eindrucksvoll schilderte sie die letzten Tage und Stunden vor der Flucht aus Posen.

 

Am letzten Seminartag setzte der Posener Germanist, Prof. Dr. Roman Dziergwa, Pozna?/ Posen, quasi die Geschichte fort, indem er über die Zeit nach 1945 sprach: „Die ‚repatriierten‘ polnischen Neuankömmlinge und das alteingesessene Deutschtum im Süden der Provinz Posen nach dem Kollaps des II. Weltkrieges“.

Aus dem Raum seiner Heimat stammt der polnische Journalist und Literat Marian Pilot (*1936) aus Siedlikow (Siedlików, Kr. Schildberg), der sich vor allem dem Zusammenleben von alteingesessenen Polen, den dagebliebenen Deutschen und den sog. „Repatrianten“, den polnischen Vertriebenen von jenseits des Bug, beschäftigt. Sein 2010 in Krakau erschienener Roman „Pióropusz“ (= der bekannte indianische Kopfschmuck, die Federhaube) bekam einen hohen Preis, der ihn in ganz Polen bekannt machte. Bereits 1987 hat er das polnische Verdienstkreuz in Gold erhalten und ist seit 2009 Ehrenbürger von Ostrzeszów (Schildberg).

In seinen Romanen stellt er die „Repatrianten“ als Menschen ohne große Kultur dar, die die ihnen übergebenen deutschen Besitztümer verkommen lassen, sie zerstören, nicht weil sie dies beabsichtigen, sondern weil sie keinerlei Geschick und höhere Kultur hatten.

In der folgenden Diskussion wurde bekundet, dass die positive Darstellung der Deutschen viele Zuhörer überraschte. Auf die Frage, ob der Roman auch auf Deutsch erschienen sei, antwortete Prof. Dziergwa, er sei unübersetzbar, da der Autor  vielfach in dem einfachen örtlichen Dialekt der Bewohner geschrieben hat, bei dem bereits polnische Leser größte Schwierigkeiten haben, ihn zu verstehen.

 

Den letzten Vortrag dieses Seminars hielt der Historiker Dr. Martin Sprungala, Dortmund,

Geschichte der Güter (deutsch und polnisch) in der Provinz Posen und zu den Begrifflichkeiten:  Rittergut, Fideikommisse, Majorate, Thronlehen, Domänen, Posener Landschaft u.a.

Der Besitz von Land war unerlässliche Voraussetzung für den polnischen Adelsstand, zudem war das Posener Land das Kernland des polnischen Staates, weshalb man hier fast in jedem Ort ein Gut antrifft. Die Größe derselben ist jedoch geringer als im Osten, da jede Adelsfamilie hier ihren Besitz hatte, während die Ostgebiete im heutigen Weißrußland und der Ukraine erst später vom polnisch-litauischen Staat erworben wurden. Dennoch war die Bedeutung der Güter und ihrer Eigentümer in Preußen viel geringer als in anderen östlichen Provinzen. Dies lag daran, dass hier der polnische Großgrundbesitz dominierte, denn Partizipation an der Macht versuchte der preußische Staat zu unterbinden.

Der Referent stellte die verschiedenen Begriffe vor, die sich aus dem Erbrecht und der gesellschaftlichen Stellung der verschiedenen Güter ergab. Weiterhin stellte Dr. Sprungala die verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Gutsbesitzer vor: der katholisch-nationale polnische Adel, der angepasste katholische polnische Adel, der polonisierte deutsche katholische Adel, der germanisierte zumeist evangelische polnische Adel, der deutsche Adel – vom Hochadel bis hin zu nobilitierten Bürgerlichen, ebenso Gutsherren bäuerlich-bürgerlicher Herkunft mit z. T. unternehmerischer Tätigkeit, die auch jüdische Großgrundbesitzer umfasste.

 

Das interessante und spannende Seminar wurde mit der Bekanntgabe des Termins für das 19. Geschichtsseminar, vom 12.02. – 14.02.2016, beendet.