Deutscher Geschichtsverein des Posener Landes e.v.

Das 19. Geschichtsseminar des DGV 2016

Das diesjährige Geschichtsseminar des Deutschen Geschichtsvereins (DGV) des Posener Landes e.V. „Nachbarland Polen. Historische Entwicklung und Rückschlüsse für die Gegenwart“ fand vom 12.2. bis 14.2.2016 erneut im Gustav Stresemann-Institut in Medingen, einem Ortsteil von Bad Bevensen, statt. Die Themenwahl war auch in diesem Jahr so gestaltet, daß geschichtliche Aspekte und auch die Neuzeit behandelt wurden.

Die Teilnehmer reisten z. T. von weit her an und nach dem gemeinsamen Kaffee begrüßte der Tagungsleitung Horst Eckert die Seminarteilnehmer. Er führte in die diesjährige Themenauswahl ein. Die Moderation teilte er sich mit Dr. Eike Eckert. Für die Organisation vor Ort war auch in diesem Jahr die Schatzmeisterin des DGV, Gudrun Backeberg, zuständig.

Der erste Punkt der Tagung war ein Zeitzeugenbericht von Wilma Matt, Barnstedt, aus der Heimatkreisgemeinschaft Eichenbrück-Wongrowitz: Erinnerung an die Heimat, Flucht und Vertreibung mit dem Neuanfang nach 1945. Frau Matt stammt aus einem Dorf im Kreis Wongrowitz (W?growiec), wo ihre Eltern eine kleine Landwirtschaft besaßen. Sie schilderte ihre Erinnerungen an die Heimat, das Zusammenleben mit den polnischen Nachbarn und die Ereignisse im 2. Weltkrieg, die zur Umsiedlung der Familie führten, da der Vater einen anderen Hof übernehmen mußte. Es folgten die Darstellungen von Flucht und Vertreibung, die die Familie in den Landkreis Lüneburg führte, und sie hier einen schwierigen Weg ins Berufsleben hatte, der sie bis zur Pensionierung in die Altenpflege in Hamburg leitete.

Nach dem Abendessen setzte der Historiker Dr. Martin Sprungala, Dortmund, die Vortragsreihe fort: Die Deutschen aus Polen organisieren sich nach 1945 in Vereinen und Selbsthilfeeinrichtungen. Anfangs waren es humanitäre Organisationen, die den Vertriebenen halfen, ihre Angehörigen wiederzufinden, Arbeit und den Lebensunterhalt erlangen zu können bis hin zur seelischen Versorgung mit der heimatlichen Kultur und Konfession. Zur Triebfeder der Selbsthilfeeinrichtungen wurden die kirchlichen Hilfskomitees, die nach der Gründung der Bundesrepublik die politische Vertretung, die Landsmannschaft Weichsel-Warthe, gründeten und dann gemeinsam Heimatkreise, Schulgemeinschaften u. a. Vereine unterstützten.

Am darauffolgenden Tag widmete sich Dr. Peter Oliver Loew, der stellvertretender Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt ist, dem Thema: Wir Unsichtbaren – Polen in Deutschland (Schwerpunkt nach 1945)“. Die Polen waren die Protagonisten für die folgenden Einwanderungen in Deutschland. Seit dem 19. Jahrhundert kamen polnische Saisonarbeiter in die Industriegebiete und als sog. „Sachsengänger“ in die ländlichen Regionen. Das dunkelste Kapitel der polnisch-deutschen Beziehung stellt der 2. Weltkrieg mit der Aussiedlung, Entrechtung und Zwangsarbeit der Polen dar, der dann dasselbe Schicksal den Deutschen folgte.

Nach dem Krieg gab es in den vier Besatzungszonen etwa 1,7 Mio. Polen, sog. „displacedpersons“. Viele Polen wollten damals nicht zurück in ihre nun zur UdSSR gehörenden Heimatgebiete oder ins kommunistische Polen. Da es seit 1945 keine polnischen Altsiedelgebiete mehr in der Bundesrepublik gibt, ist die Umsetzung des Anspruchs auf Anerkennung der Polen als Minderheit in Deutschland jedoch kaum realisierbar, schlußfolgerte der Referent. Heute leben etwa 675.000 polnische Staatsbürger (2014) in Deutschland und etwa 1,47 Mio. Einwohner (2011) haben einen polnischen Migrationshintergrund.

Anschließend folgte der Vortrag „Von Lissa über Leszno nach Lissa: deutsche Geschichte und polnische Perspektive (Die Vermittlung des deutschen kulturellen Erbes in Polen am Beispiel der Stadt Lissa)“ des nun in Mönchengladbach tätigen Hautarztes Dr. Marcin B?aszkowski aus Leszno. Er sprach über das wachsende Interesse der heutigen Bevölkerung an der Geschichte der Stadt, die bis 1920 weitgehend eine deutsche war. Als Lutheraner ist er sehr an der protestantischen Geschichte der Stadt interessiert, vor allem an dem Kirchenlieddichter Johann Heermann. Auch hat er sich sehr um die Errichtung einer Gedenkstätte für das Lager Gronowo/ Grune eingesetzt, doch die Bemühungen seiner- als auch deutscherseits von Renate Sternel und Dr. Sprungala brachten keinen Erfolg (siehe „Die 300 noch nicht vergessenen Gräber im Lager Leszno in Gronowo“ in: Posener Stimmen, 4/2008). Heute steht das ehemalige Gelände des Lagers zur Bebauung für eine Wohnsiedlung an, ohne daß es eine Gedenktafel geben wird.

Nach der Mittagspause stellte Dr. Peter Oliver Loew ein deutsches Leben mit polnischer Kultur vor: „Der Pianist und Komponist Xaver Scharwenka aus Samter 1850-1925“. Die ursprünglich aus Böhmen stammende Familie sah sich als deutsch an, doch mütterlicherseits waren sie Polen. Scharwenka machte mit seinen polnisch beeinflußten Kompositionen eine Weltkarriere. Er tourte durch Deutschland und die USA und wurde ein wohlhabender Mann.

Den letzten Vortrag dieses Tages hielt Dr. Karol Górski mit der „Biographie der Gräfin von Schlieffen aus Wioska im Kreis Wollstein“. Sie war die Tochter des Rittergutsbesitzers v. Reiche aus Rosbitek im Kreis Birnbaum. Ihr Mann, Hermann Graf v. Schlieffen, fiel 1915 in der Schlacht bei Jaroslau in Galizien. Sie wird geschildert als die gute Gutsherrin, die intensiven Anteil am Leben ihrer Leute nahm. Sie war Dichterin und Musikerin und machte aus ihrem Gut einen Musterbetrieb. Typisch für ihr Denken und ihre religiöse Haltung drückt ihr bekanntestes Zitat aus: „Haß gegen Polen soll nicht unsere Losung sein, denn zum Hassen sind deutsche Herzen zu rein“ (siehe Jahrbuch Weichsel-Warthe 2008, S. 22).

Am letzten Seminartag setzte der Posener Germanist, Dr. Karol Górski, die Biographienreihe fort: „Die Bronzestatue der ersten polnischen Herrscher in der Goldenen Kapelle des Posener Doms als Meisterleistung Daniel Christian Rauchs und der Lausitzer Bronzegießer von Lauchhammer.“ Er stellte kurz das Leben der beiden Herrscher, aber auch das des Künstlers vor und schilderte auch die Geschichte der bekannten Bronzegießerei. In seinem Vortrag ging er auch auf die Posener Dominsel und ihre neueste Errungenschaft, das Museum „Das Posener Tor“ ein. Dieses interaktive Zentrum für die Geschichte der Dominsel wurde seit 2009 mit EU-Fördermitteln (60 %) errichtet und am 30.4.2014 eingeweiht.

Den letzten Vortrag dieses Seminars hielt der Historiker Dr. Martin Sprungala, Dortmund: „Polnische Aufstände und Streiks in der Provinz Posen – 1793-1919“. Es war ein „Marsch“ durch die Geschichte der preußischen Teilungszeit bis zur Wiederentstehung Polens als Folge des 1. Weltkriegs und des Großpolnischen Aufstands von 1919.

Anschließend stellte Dr. Frank Stewner kurz die Arbeit seines Vaters, des Fotographen Ernst Stewner, vor, ehe mit der obligatorischen Auswertung die Tagung 2016 endete.

Das nächste Seminar, das dann bereits das 20. Posener Geschichtsseminar sein wird, ist für die Zeit vom 10. bis 12.2.2017 geplant.

Dr. Martin Sprungala