Deutscher Geschichtsverein des Posener Landes e.v.

Die Kgl. Preußische

Ansiedlungskommission für Westpreußen und Posen (1886-1918)

 

Die Anfänge der Ansetzung deutscher Bauern im Gebiet der späteren Provin­zen Posen und Westpreußen reichen bis in die polnische Frühzeit zurück. Zeugen der ersten Siedlungswelle vom 13. und 14. Jahrhundert waren bis in unsere Tage im Westen des Posener Landes ein Kranz deutscher Bauerndörfer Und in Westpreußen zwischen Konitz und Tuchel die achtzehn westfälischen Dörfer der sogenannten „Koschneiderei". Der zweiten deutschen Siedlungs­periode in altpolnischer Zeit vom 16. bis 18. Jahrhundert gehörten die Hollän-dereien im Weichseltal und in den Niederungen der Netze, Warthe und Obra, die Hauländereien in den Urwäldern der eiszeitlichen Endmoränen und — vor­nehmlich im Netzegau — die Schulzendörfer an. Nach Besitznahme Westpreu­ßens und Posens errichteten Friedrich der Große und seine Nachfolger zur Hebung der Landeskultur vor allem in der Kaschubei, im Kulmerland, im Netze­distrikt, in Kujawien und verstreut in den übrigen Teilen des Gebietes Bauern­siedlungen, die jedoch keine wesentliche Vermehrung des Anteils der deut­schen Bevölkerung erbrachten. Mit dem Verlust der Provinz Südpreußen im Tilsiter Frieden (1807) endete die staatliche preußische Siedlung. Nach der Wiedereingliederung des posener Landes auf Grund der Bestimmungen des Wiener Kongresses (1815) wurde sie erst wieder durch das Ansiedlungsgesetz vom 26. April 1886 aufgenommen.

In den ehemals polnischen Landesteilen Preußens hatten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Agrarstruktur, die soziale Gesellschaftsschichtung, das Bil­dungswesen und das Verhältnis der deutschen und polnischen Bevölkerung zu­einander grundlegend verändert. Bei der Neuordnung der gutsherrlich-bäuerlichen Verfassung (1823 — 1850) befreiten die preußischen Behörden das polni­sche Landvolk von Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit. Mit der Schaffung eines freien national-polnischen Bauerntums — es handelte sich allein im Posener Land um über 25 000 regulierte Höfe — s wurde dem polnischen Volk in seiner Sozialgeschichte erstmalig ein bäuerlicher Mittelstand eingefügt. Die deutschen Bauern in Polen besaßen von Anbeginn ihre Privile­gien, waren also Freie. Allerdings ging in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts der bäuerliche Besitzstand durch Bauernlegen und Bauernauskauf wieder zurück, so in der Provinz Posen zwischen 1859 und 1880 um rund 8600 Höfe. Hierdurch verschob sich das Verhältnis zwischen Großgrund- und Bauernbesitz wieder zu Ungunsten des Bauernlandes. Während im Jahre 1886 in Westelbien der Boden zu 80 bis 90 v. H. in Bauernhand war, gehörten in Westpreußen 47,1 v. H. und in Posen sogar 58,3 v. H. der Bodenfläche zu Gütern über 100 ha Größe. Es verringerten sich damit Arbeits- und soziale Aufstiegsmöglichkeiten der Bevölkerung. Von der dadurch verursachten Abwanderungswelle wurden vorwiegend deutsche Menschen in die westdeutschen Industriegebiete und nach Übersee fortgeführt. Die zahlenmäßige Schwächung des Deutschtums wiederum wirkte sich in den national gemischten Ostgebieten bedrohlich aus, da das Polentum national erwacht war und in allen seinen Schichten die Loslösung vom preußischen Staat betrieb.

Das war die Lage, die nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) den Reichskanzler Bismarck veranlasste, die staatliche preußische Siedlungstätigkeit nach jahrzehntelanger Pause wieder aufzunehmen.

 

Das Ansiedlungsgesetz

 

Im Gesetz waren die Aufgaben wie folgt umrissen: Stärkung des deutschen Elements gegen polonisierende Bestrebungen durch Ansiedlung. deutscher Bauern und Arbeiter auf Stellen mittleren und kleineren Umfanges auf parzel­lierten Gütern unter Errichtung neuer Gemeinden bei gleichzeitiger Ordnung der Kirchen- und Schulverhältnisse.

Die Durchführung des Gesetzes sollte also nationale, volkswirtschaftliche und soziale Ergebnisse zeitigen. Eine entscheidende Rolle wurde der politischen Seite beigemessen. In den völkisch gefährdeten Gebieten Preußens sollten die Abwanderungsverluste des deutschen Volksteiles durch Ansetzung von provinz­fremden deutschen Siedlern nicht nur ausgeglichen werden. Auf lange Sicht hoffte man, das Polentum zahlenmäßig überflügeln zu können und damit die Ansiedlungsprovinzen aus der volkspolitischen Gefahrenzone herauszuführen. An eine Beseitigung der polnischen Bevölkerung war nicht gedacht. Mit der Errichtung von geordneten und gut ausgestatteten Bauerngemeinden sollten leistungsfähige deutsche Gemeinwesen entstehen, die beitragen sollten, die Nahrungsmittellücke in der deutschen Volkswirtschaft zu schließen. Schließlich sollte das Missverhältnis zwischen Großgrundbesitz und Bauernland beseitigt und damit eine soziale Umschichtung zu Gunsten eines wirtschaftlich gesun­den Bauerntums erreicht werden.

Die Ansiedlungskommission

 

Unter „Ansiedlungskommission" waren in engerem Sinne die Mitglieder ge­meint (Präsident, Oberpräsidenten der Provinzen Westpreußen und Posen, Kommissare einiger Ministerien und ernannte Mitglieder), die über die An­kaufsgebiete, Ankäufe der Güter selbst, Preisgrenzen, Genehmigung der Guts­aufteilungspläne, der Bestimmungen über die Ansiedlerverträge, des Haushalts-

Voranschlages, die Feststellung des Jahresberichtes („Denkschrift" genannt) und Vorlage beim Staatsministerium "zu beraten und zu beschließen hatten. Der Präsident hatte die Verwaltung zu leiten und die Beschlüsse der „Kom­mission" auszuführen.

Das Amt des Präsidenten bekleideten in den ersten Jahren (1886—1891) der Oberpräsident der Provinz Posen, Dr. Graf v. Zedlitz und Trützschler, danach Dr. v. Wittenburg, Biomeyer und Dr. Gramsch.

Allgemein verstand man jedoch unter der „Ansiedlungskommission" die Be­hörde, die unmittelbar dem Staatsministerium unterstellt war. Das Verwaltungs­gebäude in Posen, Paulikirchstraße 10, (errichtet aus schlesischem Sandstein 1905—1908) stand auf dem Gelände des ehemaligen inneren Festungsringes in unmittelbarer Nachbarschaft der Kaiserpfalz und des Stadttheaters. Da die Aufgaben, die mit dem Ankauf der Güter begannen, über die Parzellie­rung bis zur Bildung der neuen Gemeinden in den Händen der Behörde lagen, benötigte sie für die einzelnen Sachgebiete Fachkräfte wie Verwaltungsbeamte, Landwirte und Forstsachverständige, Juristen, Volkswirte, Kulturingenieure, Landmesser, Zeichner, Baumeister, Techniker, Beamte für das Rechnungs- und Kassenwesen und schließlich Büropersonal. Insgesamt zählte die Ansiedlungsbehörde um 1912 über 600 Beamte und Angestellte.

Da sich die Kommission in Aufbau des Behördenapparates und in Durchführung der Siedlungsaufgaben auf keine Vorbilder stützen konnte, betrat sie bei ihrer Arbeit Neuland. Erfolg oder Scheitern des Ansiedlungswerkes hingen also von dem Ideenreichtum des Präsidenten und seiner leitenden Mitarbeiter, von der Zweckmäßigkeit der Grundplanung und deren praktischen Verwirklichung ab. Die Berufung in die Ansiedlungskommission bot ein fesselndes Betätigungs­feld, wie es sonst in der eingespielten staatlichen Verwaltung nur noch selten anzutreffen war.

Für den Ansiedlungsfonds waren 1886 zunächst 100 Millionen Mark bewilligt worden. Bis zum Jahre 1913 erreichte der Fonds 600 Millionen Mark. Das Siedlungsland wollte man — dem nationalpolitischen Zweck des Gesetzes entsprechend — vornehmlich aus polnischer Hand beschaffen. Da jedoch schon nach wenigen Jahren das Polentum in seiner Presse und in den politischen Organisationen die polnischen Verkäufer als Verräter an der nationalen Sache brandmarkte, verschwand das polnische Angebot seit 1905 nahezu .völlig vom Gütermarkt, so dass die Ansiedlungsbehörde in überwiegendem Maße deutschen Großgrundbesitz erwerben musste. Bis zum Jahre 1918 hat die Kommission 460 884 ha angekauft, davon aus

polnischer Hand                                126 676 ha = 27,5 v. H.

deutscher Hand                                 334 208 ha = 72,5 v. H.

 

Die erworbene Landfläche verteilte sich nach einer Statistik des Jahres 1912 auf rund 720 Güter und 500 bäuerliche Grundstücke. Davon stammten etwa 2 v. H. aus Staatsdomänenbesitz, 5 v. H. aus Zwangsversteigerungen, der Hauptteil war auf dem freien Grundstücksmarkte erworben mit Ausnahme von 4 polnischen Gütern mit 1655 ha, die im Jahre 1912 unter erstmaliger Anwen­dung des sogenannten Enteignungsgesetzes des Jahres 1908 zu marktgerech­ten Bodenpreisen zwangsaufgekauft worden sind. Hierbei hat es sich um abge­wirtschaftete Betriebe gehandelt, deren Eigentümer außerhalb der Reichsgren­zen ihren Wohnsitz hatten. Von der Ankaufsfläche fielen auf Grund der Bestim­mungen des Versailler Vertrages (1919) rund 91 000 ha an den polnischen Staat. Davon waren rund 23 000 ha mit Auflassungsrechten belastet,

Der Bodenpreis je Hektar stieg von 568 Mark im Jahre 1886 auf 1821 Mark (1913). Der Gesamtdurchschnittspreis belief sich auf 1058 Mark. Für die An­käufe hat die Ansiedlungskommission an polnische Vorbesitzer rund 113 Mil­lionen Mark gezahlt, an deutsche rund 375 Millionen Mark. In dem Ansteigen der Güterpreise spiegelt sich auch die Bodenspekulation wider, die. in den Ansiedlungsprovinzen bei dem erheblichen Landbedarf sowohl von deutscher als auch von polnischer Seite für Parzellierungszwecke einen günstigen Nähr­boden gefunden hatte.

Die Tätigkeit der Ansiedlungskommission zeitigte bis 1914 — um dies vorweg­zunehmen — nicht das erstrebte Ergebnis, weil die Polen dieses durch Gegen­maßnahmen, nämlich ebenfalls durch Käufe und Parzellierungen, mehr als wett­machten. Während sich allein in der Provinz Posen von 1861 bis 1886 der pol­nische Besitz um rund 200 000 ha vermindert hatte, stieg der Landgewinn der Polen in den Jahren 1896 bis 1914 in Westpreußen und Posen um rund 181 000 ha.

Da die meisten der erworbenen Ländereien bei der Übernahme nicht siedlungs­reif waren, wurden diese zunächst für einige Jähre von Gutsverwaltern der Kommission für die Parzellierung aufbereitet. Das Bestreben ging dahin, den Ansiedlern in gutem Kulturzustand befindliche, ertragssichere Böden zu über­geben. So mussten die Vorflutverhältnisse geordnet werden; um das Land von stauender Nässe zu befreien, die Bodenverhältnisse durch gründliche Be­ackerung und Düngung verbessert, die Entwässerung von Wiesen, Sümpfen und Brüchen durchgeführt, Straßen und Wege geschaffen und befestigt und die für die Landwirtschaft ungeeigneten Flächen aufgeforstet werden. Über den Umfang der Verbesserungen geben u. a. folgende Zahlen Auskunft: An Netze, Weichsel und Obra wurden 5000 ha Sumpfland in Acker, Weide und Wiese umgewandelt, über 60 000 ha Ackerland drainiert, über 300 km Wege gepflastert bzw. chaussiert.

Den Gutsverwaltungen oblagen im Zuge der Besiedlung, den Neu-Bauern durch Spann- und Handdienste zu helfen, Baumaterialien aus gutseigenen Ziegeleien — soweit vorhanden — zu Selbstkosten zu liefern, die Beratung bei der Ver­wendung alter Gutsgebäude und beim Aufbau der neuen Höfe zu übernehmen bzw. zu vermitteln, Ratschläge beim Kauf des toten und lebenden Inventars zu erteilen, dem Ansiedler mit Einsaat versehenes Land zu übergeben, genossen­schaftliche Zusammenschlüsse zu fördern u. a. m.

Siedlungsplanung, Ansiedlerwerbung und Ansetzung Als die Ansiedlungskommission ihre Arbeit aufnahm, musste sie eine neuzeit­liche Siedlungstechnik entwickeln. Die friderizianischen und südpreußischen Methoden konnten nicht übernommen werden, da diese infolge der Verände­rungen und Entwicklungen auf sozialem, wirtschaftlichem, verkehrsmäßigem und nationalstaatlichem Gebiete überholt waren.

Es war das Verdienst der ersten Präsidenten, Graf v. Zedlitz und v. Wittenburg, neue Formen für die. Schaffung von modernen Bauerndörfern gefunden und verwirklicht zu haben.

Das Rückgrat der Ansiedlerdörfer bildeten die spannfähigen, 10-20 ha gro­ßen Höfe, die vom Ansiedler und seinen Familienmitgliedern ohne ständige Beschäftigung einer fremden Arbeitskraft bewirtschaftet werden konnten. Halb­bauern- und Arbeiterstellen waren in der Minderzahl, Restgüter Einzelfälle. Um eine lebensfähige, wirtschaftlich und kulturell gut ausgestattete Landgemeinde errichten zu können, waren Güter um 1000 ha in günstiger Verkehrslage zu

Stadt und Bahn besonders geeignet. Erwerb und Besiedlung von Nachbar­gütern war erwünscht, um möglichst ausgedehnte Ansiedlungsbezirke schaffen zu können. Bei der Aufteilung des Landes war man bemüht, die Ansiedler gleichmäßig mit Parzellen guter und magerer Böden und mit Wiesen zu beden­ken, ohne den Besitz übermäßig zu stückeln. Den aus Gutsbezirken gebildeten Landgemeinden wurden für Allgemeinzwecke Gemeinde- und Friedhofsland, ein Brunnen, Sand- und Lehmgruben zugeteilt, Spritzenhäuser, ausgerüstet mit Feuerspritzen, Wasserwagen und Löschgeräten, und Armenhäuser errichtet. Der Schulze erhielt als Zeichen seiner Würde einen Schulzenstab, eine Dorf­chronik und einen Aktenschrank. Die Landzuwendungen erreichten etwa 10 v. H. der Gesamtfläche. Aus den Erträgen konnten vielfach die Lasten der Gemeinde gedeckt werden.

In der Regel gab es in den Änsiedlungsdörfern als Pachtstellen die Krüge, die Handwerksbetriebe (Stellmacherei, Schmiede, Bäcker) und Arbeiterhäuser. Für die geistige und geistliche Versorgung erbaute die Ansiedlungskommission Schulen und Kirchen. Diese wurden ebenfalls mit Landdotationen — für Schulen etwa 2,5 ha, für Kirchen etwa 25 ha — bedacht. Die Pachtgelder flössen der Gemeindekasse bzw. der des Kirchspiels zu.

Die für die Besiedlung entwickelten Grundsätze haben sich in der Praxis be­währt und wurden auch international als musterhaft und nachahmenswert be­urteilt.

 

Zu Beginn der Tätigkeit war naturgemäß nicht zu übersehen, ob sich geeignete und zahlenmäßig genügend Bewerber finden würden. Da die volkspolitischen Ziele nur zu erreichen waren, wenn in die Ansiedlungsprovinzen deutsche Menschen zuwanderten, wurden die Werbungen vornehmlich innerhalb der westelbischen und süddeutschen Bauernbezirke durchgeführt. Man war be­strebt, Siedlungswillige aus bäuerlichen Familien zu gewinnen, die zu Haus aus Landmangel keine Möglichkeit hatten, Bauern zu werden. Auch Kleinbauern und Häuslern wollte man Gelegenheit zum sozialen "Aufstieg, d. h. zum Voll­bauern, geben.

Durch Vorträge in bäuerlichen Vereinigungen wurde versucht, Interesse für den Siedlungsgedanken im Osten des Reiches zu wecken, mit Werbeplakaten in den Eisenbahnen wurde die Bevölkerung auf die Siedlungstätigkeit aufmerksam ge­macht, in Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren erschienen Berichte von Journalisten und Schriftstellern, die das Ansiedlungsgebiet bereist hatten, und schließlich warben die Ansiedler selbst unwillkürlich mit Schilderungen in Brie­fen und Erzählungen von ihrem Ergehen in der neuen Heimat. Selbst im Ausland - vor allem in den deutschen Volkstumsinseln Österreich-Ungarns und Russlands - fanden sich Rückkehrwillige, die sich nach ihrer Ur­heimat sehnten.

Die ursprünglichen Zweifel mancher Stellen, keine genügende Anzahl von Be­werbern zu bekommen, erwiesen sich bereits nach wenigen Jahren als unnötig. Es meldeten sich insgesamt über 40 000 Siedlungswillige, von denen nur die Hälfte berücksichtigt werden konnte.

Dem Sinn des Gesetzes entsprechend war die Ansiedlungsbehörde nur auf eine „angemessene Schadloshaltung des Staates" bedacht. Sie war also kein Unternehmen, das Gewinne erzielen sollte. Im Mittelpunkt der Tätigkeit stand das Ziel, ein wirtschaftlich gesundes und unabhängiges Bauerntum zu schaffen. Darauf waren die Ansetzungsbedingungen ausgerichtet.

Die in achtzig von hundert Fällen vergebene Art war das R e n t e n g u t. Der Ansiedler brauchte keine Mittel für den Grund und Boden aufzubringen. Er ver­pflichtete sich vielmehr im Rentengutsvertrag, eine Dauerrente von 3 v. H. des Landwertes an die Kommission zu zahlen. Der „Anrechnungswert" des Landes wurde ohne Rücksicht auf den Ankaufspreis und die für die Bodenverbesserun­gen (Drainage u. a.) investierten Kapitalien des einzelnen Parzellierungsgutes auf Grund von sorgfältigen Bodenschätzungen festgesetzt, so dass eine gleich­mäßige Behandlung aller Ansiedler gewährleistet war. Eine Ablösung der Rente konnte der Staat erst nach 50 Jahren fordern. Die Ablösungssumme betrug in diesem Falle das Fünfundzwanzigfache einer Jahresrente. Forderte dagegen der Ansiedler die Ablösung, so musste er das Dreiunddreißigfache zahlen. Zehn v. H. der Rente konnten nur in gegenseitigem Einverständnis getilgt werden. Der Staat behielt sich das Wiederkaufsrecht bei Verkauf oder Vererbung vor. Für die Ansiedlungen galten das Anerbenrecht, die Feuer u. Hagelversicherungs­pflicht und die Wohnklausel („Residenzpflicht"). Im allgemeinen wurden dem Ansiedler drei Rentenfreijahre zur Erleichterung der Einwurzelung gewährt. An Vermögen musste der Bewerber ein Ausstattungskapital zur Errichtung der Wohn- und Wirtschaftsgebäude hinterlegen, das etwa ein Drittel des Anrechnungswertes (um 10 000,- Mark) betrug. Bei Halbbauernstellen (Größe etwa 8-10 ha), bei Handwerker- und Arbeitersiedlungen (etwa 3-4 ha) war der Kapitalbedarf geringer. Das gleiche galt für Pachtstellen und für Krugstellen, die für zwölf Jahre vergeben wurden. Für Kleinbauern und Pächter bestand

Aussicht, in späteren Jahren aus dem Vorbehaltsland („Landrücklagen" der Kommission) die Besitzfläche zu vergrößern bzw. zu Eigentum zu übernehmen. Schließlich wurden ausnahmsweise aus wirtschaftlichen und verwaltungspoliti­schen Gründen eine Anzahl (über 20) von Restgütern bis zu einer Größe von 550 ha ausgelegt.

Dorfformen, Baustil und Ortsnamen

 

Die Ansiedlungskommission versuchte, den Wünschen der Ansiedler entgegen­zukommen, soweit diese zweckmäßig waren und sich mit den Vorstellungen der Behörde in Übereinstimmung bringen ließen. Es ist verständlich, dass die Siedler ihre heimatlichen Bilder von Dorf und Hof im Osten verwirklicht sehen wollten. So ist es beim Abwägen des Für und Wider zu einer gewissen Farbig­keit in den Ansiedlungsbezirken gekommen, die — von Ausnahmen abgesehen — im allgemeinen befriedigen konnte.

Der Grundriss des Dorfes richtete sich weitgehend nach den örtlichen Gegeben­heiten und den verkehrsbedingten Notwendigkeiten. Bevorzugt wurden das Dorf mit dem alten Gutskern als Mittelpunkt und den von dort sternförmig aus­gehenden Straßen und das Straßen- und Reihendorf. Den Einzelhof lehnte die Ansiedlungskommission wegen der isolierten Lage, der vielen Zugangswege und der Entfernungen ab. Bevorzugt wurden die geschlossenen Dorfanlagen mit der Kirche, der Schule, der Gastwirtschaft und den Gemeindebauten im Mittel­punkt.

Bunt zusammengewürfelt waren die Ansiedler. Zwar gab es einige überwiegend landsmannschaftlich geschlossene Gemeinden, so z. B. das Schwabendorf Korn­thal (Ustaszewo) im Kr. Znin, die westfälische Siedlung Alswede (Latalice) im Kr. Posen-Ost, doch war die Ansiedlungskommission bemüht, in den Siedlun­gen die Bewerber deutscher Stämme gemischt anzusetzen. Wie ein Mosaik deutschen Volkstums wirkt das Herkunftsbild der Ansiedler. Nach der Denk­schrift des Jahres 1913 stammten aus den Ansiedlungsprovinzen 5505, aus Ost­preußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien 3145, aus Sachsen 1522, aus Hannover 817, aus Westfalen 1948, aus Hessen-Nassau 340, aus der Rhein­provinz 214, aus Ostfriesland, Schleswig-Holstein, Lippe, aus der Pfalz, aus Baden, Württemberg, Franken 2382, Rückwanderer aus Galizien, Slawonien, Bosnien, Südungarn, Rumänien, der Dobrudscha, Kongreßpolen, Wolhynien, aus dem Schwarzmeer-(Don-)Gebiet, vom Asowschen Meer und von der Wolga 5384 Ansiedler. Von den bis 1913 insgesamt angesetzten Familien wären 20 569 evangelisch und 668 katholisch.

Bei der Gestaltung von Haus und Hof ließ die Ansiedlungsbehörde den Neu­bauern freie Hand, wenn man vom Verbot, Häuser mit Stroh zu decken, absieht. So entstanden je nach Ursprungsland und Vermögensverhältnissen der Siedler Wohn- und Wirtschaftsgebäude verschiedener Stile, Hofanlagen unterschied­licher Typen.

Es waren anzutreffen das Westfalenhaus, dessen Hauptfensterfront der Straße zugewandt war, das freistehende aus Ziegelsteinen errichtete ostelbische Wohnhaus, das schlichte weißgetünchte und mit Pappe gedeckte Haus von Rückwanderern aus Russisch-Polen, das an Vorbilder aus den deutschen Sied­lungsgebieten Ungarns erinnernde Steinhaus mit Rundbogen, das hessische Fachwerkhaus, das villenartig anmutende und mit besonders teuren Klinkern und glasierten Dachziegeln versehene Haus, schließlich neuentwickelte Typen von Ansiedlungswohnhäusern. Bei den von der Ansiedlungskommission errichteten Kultur- und Gemeindebauten und Gebäuden der Pachtstellen bildeten Zweckmäßigkeit und Gediegenheit eine Einheit und krönten das Dorfbild.

Ehemalige Gutshäuser dienten neuen Kirchspielen als Bet- oder als Pfarrhäuser oder wurden zu Schulen oder sozialen Anstalten umgebaut.

Bei Kirchenneubauten waren der Backsteinbau im neugotischen Stil oder Bau­ten mit verputztem Haupthaus und barocker Haube und Gotteshäuser, die den ordenszeitlichen Wehrkirchen nachgebildet waren, beliebt. Ansprechend waren meist die Dorfkrüge und Handwerkerstellen, auch für die Gebäude der Pacht­siedlungen und Gemeindehäuser entwickelten die Baumeister einen beson­deren Stil.

An Hofstellen waren geschlossene und offene Anlagen, bei denen Wohnung und Stallungen unter einem Dach oder Wohnhaus und Viehställe getrennt oder durch die Futterküche verbunden, Gehöfte mit massiven oder Holzscheunen, auf

Höfen von Ansiedlern aus Bosnien auch solche ohne Scheunen vertreten.

I

Eine besondere Zierde der Ansiedlungsdörfer bildeten die Blumen- und Obst­gärten, die Hof- und Straßenbäume. In wenigen Jahren waren die Dörfer in Grün getaucht und schmückten die ostdeutsche Landschaft. Mehr als 600 000 Obstbäume sind in den Ansiedlungen angepflanzt worden, die aus Bäumschulen der Ansiedlungskommissionen stammten. Im Zuge der Um­wandlung von Gütern in Ansiedlungsdörfer, wurden auch die slawischen Orts­namen abgelegt und durch deutsche ersetzt Eine Studie über die neuen Orts­bezeichnungen wäre reizvoll und ergäbe aufschlussreiche Erkenntnisse über Denken und Dichten der Namensgeber. Wegen des Umfanges einer solchen Arbeit soll hier nur eine interessante Auswahl getroffen werden. Einheitliche Richtlinien oder Grundsätze sind aus den Umbenennungen nicht zu erkennen. Neben den bereits genannten gewanderten Namen Alswede und Kornthal sind Neu-Tecklenburg (Kreis Witkowo), Neu-Wiek (Kreis Berent) und Hartfeld (Kreis Mogilno) zu nennen. Den ersten Präsidenten zu Ehren wurden De.bowa La.ka (Kreis Briesen) und Gluchowo (Kreis Koschmin) in Wittenburg, Zedlitzwalde (Kreis Lissa i. P.), Neu-Zedlitz (Kreis Witkowo) benannt. Überset­zungen aus dem Polnischen liegen u. a. vor in Sokolniki = Falkenau (Kreis Gnesen), Slonskowo = Sonnenthal (Kreis Rawitsch), Dominowo = Herren-hofen (Kreis Schroda) und (zwar eine missglückte) Krolikowo (= Kaninchenau) in Königsrode (Krol = König) (Kreis Schubin). Lautliche Angleichungen erfuh­ren z. B. das für eine deutsche Zunge unaussprechliche Zajezierze (= Hinter­see') in Scherze (Kreis Wreschen), Cienszkowo in Zinsdorf (Kreis Schubin), Morakowo in Morkau (Kreis Wongrowitz), Czechy in Schechin (Kreis Gnesen), und aus Owieczki (= Schäfchen) (Kreis Gnesen) wurde von einem Dezernen­ten der Ansiedlungskommission ein Owieschön (weil es eine besonders schöne Lage hatte) gemacht. Man gab den Orten ferner nationale. Bezeichnungen, Phantasienamen, Namen, deren Stamm von Bäumen und Pflanzen abgeleitet . waren. In Westpreußen griff man auf die Ortsnamen aus der Ordenszeit zurück. Das bunte Bild der Ansiedlungs-Ortsnamen kann wohl- rückschauend, be­trachtet - als nicht befriedigend angesehen werden.

Ergebnis

 

Über die Ansiedlungspolitik liegen unterschiedliche Beurteilungen vor. Dass sie von den Polen bekämpft und verurteilt worden ist, verwundert nicht. Auf deut­scher Seite waren die Gegner in der Minderzahl. Bei nüchterner. Betrachtung des Ansiedlungswerkes kann man wohl nicht bestreiten, dass in drei Jahrzehn­ten mit verhältnismäßig geringen Mitteln eine Leistung vollbracht worden ist, die trotz mancher Schönheitsfehler und trotz Dezimierung und Vernichtung nach den beiden Weltkriegen in der Geschichte des Siedlungswesens beispiel­haft dasteht.

Die nachstehenden Angaben legen Zeugnis ab von einem großen Werk. Bis 1918 waren von der erworbenen Gesamtfläche (alles in runden Zahlen, von 466 700 ha aufgeteilt 403 700 ha, und zwar 309 500 ha in 21 886 Stellen (davon 19 608 Renten -, 2176 Pacht-, 102 Arbeitermietstellen) vergeben. Für öffentliche Zwecke wurden 32 200 ha verwandt, 10 000 ha für Zulagestücke zurückbehalten. Bis 1911 waren 450 Dörfer gegründet worden, in über 300 Dörfern erfolgten Zusiedlungen. Auf den Ansiedlungsstellen lebten etwa t50 000 Menschen, von denen vier Fünftel zugewandert waren.

Bis zum Jahre 1910 wurden auf Kosten der Ansiedlungskommission 47 Kirchen, 30 Bethäuser, 50 Pfarrgehöfte, 421 Schulgehöfte und 494 Gebäude für Gemein­dezwecke errichtet. Die Tätigkeit der Ansiedlungskommission veränderte weite Teile der Ansiedlungsprovinzen. Um die Stadt Posen legte sich ein Kranz blü­hender Dörfer. Die Kreise Gnesen (mit 39 v. H. Ansiedlungsfläche), Znin (mit 26,5 v. H.) Wongrowitz (mit 22 v. H.), Briesen (Westpreußen) (mit 26 v. H.j, waren mit neuen Dörfern übersät, dje Kleinstadt Janowitz war zum Mittelpunkt eines zusammenhängenden Ansiedlungsgebietes geworden (s. Bild). In Ostrowo, Krotoschin, Schmiege!, Witkowo, Tremessen, Mogilno, Schubin, Brie­sen, Gollub, Schönsee, Schwetz u. a. Städten belebten sich Handel und Wandel im Verkehr mit den sie umgebenden Ansiedlungen. In den Kreisen Wreschen, Jarotschin, Pleschen, Tuche! lagen die geschlossenen katholischen Siedlungen. Den wirtschaftlichen Aufschwung in den Siedlungsbezirken spiegeln die genos­senschaftlichen Zusammenschlüsse wider. Die Ansiedlungskommission förderte

das vom Raiffeisen-Verband geführte Genossenschaftswerk. In den Ansied-lungsgemeinden wurden gegründet:

 

232 Spar- und Darlehnskassen,

90 Molkereigenossenschaften,

64 Brennereigenossenschaften,

90 Dränagegenossenschaften und

142 sonstige, landwirtschaftliche Genossenschaften (Ein- und Ver­kaufsvereine, Dresch-, Viehverwertungs-, Zuchtgenossen­schaften u. a.). Wohl belieferten die Ansiedlungen den Markt mit weniger Getreide. Dafür wurde die Erzeugung von Vieh, Fleisch und Milch vervielfacht. Das Werk der Ansiedlungskommission hat die bei der Errichtung gesteckten Aufgaben erfüllt. Dass es nach dem I. Weltkriege als Folge der polnischen Maß­nahmen wie Annullierungen geschlossener Verträge, Liquidation der Ansiedlungen, die in der Hand von reichsdeutschen (nach dem 1.1. 1908 ansässig geworden) Ansiedlern und durch eine willkürliche Verdrängungspolitik der polnischen Be­hörden auf 42,5 v. H. zurückgegangen und nach dem II. Weltkrieg zerstört wor­den ist, kann nicht den bäuerlichen Ansiedlern zur Last gelegt werden. Sie haben auf grünem Rasen angefangen und wirtschaftlich ausgezeichnete Höfe hinterlassen.

Die Standbilder an der Kuppel des Ansiedlungsgebäudes in Posen, unter denen ein westfälischer und ein württembergischer Bauer zu finden waren, sind ge­stürzt. Die literarischen Denkmäler von Kurt Schulz, „Kraft und Bürde" und von Wilhelm Meyer-Mölleringhof, „Heimat im Osten" (beide Leipzig 1943) jedoch werden der Nachwelt weiterhin von deutscher Arbeit im ehemals preußischen Osten berichten.